„Facebook-Revolution“?

1 Feb

Die jüngst in Tunesien und Ägypten stattgefundenen Revolutionen wurden in den Medien als „Facebook-/Twitter-Revolutionen bezeichnet…doch wie viel „social networking“ steckt wirklich hinter den Aufständen in den Ländern?

„Es gibt nur Revolutionen von Menschen, die sich befreien wollen“, so lautet das Fazit von Mathieu von Rohr in der Spiegel-Ausgabe vom 31.01.2011. Doch blickt man hinter den Vorhang, erkennt man schnell, wie viel das Internet im Allgemeinen dazu beigetragen hat.

Jede Minute erreichten uns die neuesten Bilder aus den jeweiligen Ländern, mit verschiedenen Gesichtern, verzweifelten Menschen, die sich gegen die Diktatur in ihrem Land auflehnen auf der Suche nach Freiheit. Menschen, die teilweise zu Helden wurden, wie die Demonstrantin Neda in Iran.  Bilder, Videos…der Westen wurde überschwemmt mit Nachrichten von Menschen, die über die Aufstände berichten, die neuesten Entwicklungen posten, Demonstrationen planen und zum Aufstand aufrufen. Die Waffen der Demonstranten vor Ort beinhaltet schweres Geschütz, die westlichen Menschen unterstützen mit Kommentaren und Zugehörigkeits-Klicks wie dem „Like“-Button auf Facebook.

Die US-iranische Journalistin Golnaz Esfandiari legte ein Jahr nach der gescheiterten Revolution in Iran in „Foreign Policy“ dar, dass in Iran definitiv die Mundpropaganda die Proteste auslöste und förderte, nicht die wenigen Twitter-Beiträge direkt aus dem Land, welche verhältnismäßig sehr gering ausgefallen seien. Sie fragt, warum sich keiner der westlichen Journalisten gewundert habe, dass jene Beiträge in Englisch und nicht in Farsi getwittert wurden.

Also kommt wieder die Frage auf: was haben Facebook und Twitter dazu beigetragen, dass die Revolutionen in einem solchen Ausmaß stattfanden?

Betrachtet man diese Frage nüchtern, so ist es offensichtlich, dass nicht die Online-Medien die Unzufriedenheit der Menschen versursacht, aber vielleicht genährt hat? Es waren nicht Facebook oder Twitter, die den Menschen vor Augen geführt haben, welche Missstände in ihren Ländern herrschten, aber vielleicht verdeutlicht? Es war nicht Twitter, was sie darüber in Kenntnis setzte, was draußen auf den Straßen vor sich ging, aber vielleicht aufrüttelte?

 Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak erkannte die Gefahr, die im Internet für ihn lauerte und so wurden die Internetverbindungen in Ägypten gekappt und auch teilweise die Mobilfunkverbindungen wurden lahmgelegt. Weil er sich hierdurch bedroht fühlte?

Was geht in dem Kopf eines Menschen vor, der so handelt? Empfand er die Bedrohung als so gefährlich, die über die zahlreichen Internetseiten verbreitet wurden? Dachte er im Ernst, das Internet sei die stärkste Waffe der verzweifelten Bürger, die unter seinem Regime litten? Sein Handeln bestärkt den Verdacht, dass solche Gedanken in seinem Kopf herumschwirrten. Doch ging seine Rechnung nicht ganz auf. Denn die Menschen waren bereits aufgebracht und bereit, sich mit „allen“ Mitteln gegen die Diktatur aufzulehnen und für ihre Freiheit zu kämpfen und auch zu sterben.

Also können wir daraus den Schluss ziehen, dass es nicht Facebook war, das die Menschen zu den Protesten bewegte, auch nicht andere Onlinemedien. In Tunesien war es vermutlich Mohammed Bouazizi, ein arbeitsloser 26-jähriger Mann in Sidi Bouzid im Landesinneren, der sich als Straßenverkäufer durchschlug, bis die Behörden seinen Karren beschlagnahmten. Daraufhin beging er eine Verzweiflungstat, indem er sich Benzin über den Kopf kippte und sich anzündete. Sein Selbstmord war der Auslöser, welcher die Jugendlichen wachrüttelte und wutentbrannt auf die Straßen trieb. Durch dieses Handeln merkten sie, wie unzufrieden sie selbst mit der Situation in ihrem Land waren und loßzogen.

Gewiss ist die Kommunikation durch die Hilfe von Sozialen Medien sehr viel einfacher und schneller geworden. Das Internet scheint kaum noch wegdenkbar. Die modernste Handytechnologie unterstützt die Abhängigkeit vom WWW stark, mit Flatrates und allen nötigen Funktionen, um immer und überall in der Lage sein zu können, das Internet mit all seinen Vorzügen zu nutzen.

Aber denkt jemand an den Kontrollwahn dieser Generation? Die GPS-Ortungssysteme können ohne größere Aufwände unseren Aufenthaltsort bestimmen, sobald unser Handy angeschaltet ist. Die Regime nutzen Bilder aus den Protesten, um Demonstranten zu identifizieren. Sie rufen das Volk und die gesamte Welt dazu auf, ihnen zu helfen, herauszufinden wer die Menschen waren, die bei den Demonstrationen ganz vorne mit dabei waren. Wie sicher sind wir in dem Zyklus, das uns vieles erleichtert? Welchen Preis müssen wir dafür zahlen?

So einfach das Volk das Internet nutzen kann, so einfach kann es gegen einen genutzt werden!

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3 Antworten to “„Facebook-Revolution“?”

  1. jazzyfizzl Februar 20, 2011 um 2:51 pm #

    Die Polizei in Hannover hat erstmals in der Geschichte der Sozialnetzwerke ein Profil angelegt, um die 20-jährige ausfindig machen zu können. Nach viermonatiger erfolgloser Suche fahndet die Kripo nun mithilfe von Facebook, in der Hoffnung, so an Anhaltspunkte zu gelangen um das türkischstämmige Mädchen zu finden. Dies ist ein Beweis dafür, wie viel Einfluss Sozialnetzwerke auf die Gesellschaft mittlerweile haben-Tendenz steigend.
    http://www.abendblatt.de/region/norddeutschland/article1790633/Kripo-Hannover-fahndet-zum-ersten-Mal-bei-Facebook.html

  2. loreelectro Februar 20, 2011 um 3:49 pm #

    Diesen Vorgang, den du in deinem Artikel beschreibst, wird auch als Facebook-Effekt bezeichnet, nach David Kirkpatrick, der ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, wie die technologische Entwicklung unser Leben verändert. Er sagt in einem Artikel auf focus.de unter anderem: „Wir entwickeln uns weiter, weil sich die Technologie weiter entwickelt. Die Technisierung stellt uns immer wieder vor praktische und moralische Probleme, insgesamt betrachtet ist der Einfluss von Technologie auf unser Leben jedoch sehr positiv.“ (Quelle: http://www.focus.de/digital/internet/dld-2011/debate/tid-21059/soziale-netzwerke-der-facebook-effekt_aid_592034.html)
    Und das ist doch der Punkt. Zumindest wir, die Netzgemeinschaft, kommen in den meisten Artikeln nicht umhin, am Ende eines Artikels, der die Vorzüge des Internets und seinen Möglichkeiten preist, noch einmal darauf hinzuweisen, dass die ganze Chose – Achtung! – auch ziemlich gefährlich ist.
    Meiner Meinung nach ist sie dies heute, weil viele NOCH nicht wissen, wie man verantwortungsbewusst mit social Software umgeht und die Regierungen NOCH nicht wissen, wie man passende Gesetzte verabschiedet.
    Kommt Zeit, kommt Rat.

  3. eila103 Februar 20, 2011 um 6:16 pm #

    Kommt Zeit, kommt Rat.

    Lasst uns auf die menschliche Vernunft hoffen und das Regierungen nicht mehr so eigenmächtig handeln können. Das Internet abzustellen um die eigenen Bürger zu bevormunden, zeigt die Macht des Mediums und die Schwäche eines Regierungssystems. Das Internet kann Bildung und weltweites Wissen in jeden Winkel der Erde transportieren und kann damit Vielen nutzen. Wir dürfen es nur nicht dazu kommen lassen, dass es gegen uns benutzt wird. Die neuen Erfahrungen die uns die Revolutionen in Nordafrika in Verbindung mit dem Internet gebracht haben, werden sicher eine Menge an kritischeren Gedanken in Bezug auf das Internet aber auch auf staatliche Kontrolle und neuen Gesetzgebungen in Gang setzen.

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